
Besprechung des Romans Feuchtgebiete von Charlotte Roche [05:35m]:
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Der Roman Feuchtgebiete von Charlotte Roche dürfte mit Abstand der meistdiskutierte Roman in deutschen Talkshows und im Feuilleton 2008 gewesen sein. Zum einen war da der Umstand, dass die Feuchtgebiete gut ins deutsche Sommerloch passten. Zum anderen jedoch ließ sich trefflich aus dem Buch zitieren und schon mit ein paar Sätzen Gefühle bei den Zusehern oder Zuhörern erzeugen. Meist waren es vor allem Ekelgefühle. Die Euphorie des genüsslichen Schauderns ist inzwischen ein wenig abgeflacht und es kommen die Stimmen durch, die mit Freuden diesen Roman zerreißen. Sieht man sich die aktuellen Bewertungen bei Amazon an, so überwiegen im Moment die negativen Ein-Stern-Urteile.
Losgelöst von der Frage, ob Feuchtgebiete nun Frauenliteratur ist, habe ich mich auch als Mann an dieses Werk gewagt und wollte erkunden, was denn nun hinter Hype und Verriss steht. Und natürlich nehme ich auch gerne Hinweise an, die mir helfen, die Frauen besser zu verstehen.
Die Grundgeschichte ist schnell erzählt. Die Hauptdarstellerin Helen liegt im Krankenhaus und wurde am Anus operiert. Nun gehen ihr, während sie dort zunächst praktisch ans Bett gefesselt ist, so einige Dinge aus ihrem Leben durch den Kopf. Wir erfahren dabei nicht nur einiges über ihre Kindheit und ihr Verhältnis zu ihrer Familie, sondern auch eine ganze Reihe unappetitliche Fakten über ihre ganz individuellen Erlebnisse mit ihren diversen Körperöffnungen und -Flüssigkeiten. Dabei werden auch sehr explizite Details nicht ausgelassen, die vor allem mit ihrem Anus und den Ausscheidungsorganen zu tun haben. Auch steht Helen der Hygiene eher kritisch gegenüber und lässt uns insbesondere im ersten Teil des Buches Teil daran Teil haben, wie lustvoll sie mit Verkrustungen und Körpergerüchen umgeht. Überhaupt spielt die offene Sexualität eine große Rolle in ihrem mit 18 Jahren recht jungen Leben.
Viel mehr geschieht nicht, sieht man von dem etwas aufgesetzten Ende ab. Ich kann mir recht bildlich vorstellen, wie Frau Roche an das Schreiben dieses Buches rangegangen ist. Wahrscheinlich hatte sie die Grundidee, ein provozierendes Buch über weibliche Körperhygiene zu schreiben. Da dieses nur bedingt ein gesamtes Buch von 220 Seiten trägt, kam eben noch ein kleines Familiendrama als verbindende Geschichte hinzu. So ging es dann ans Schreiben mit den ersten Provokationen mit Abgleiten in die Geschichte. Immer wieder musste sie sich dann zur Ordnung rufen, dass sie ja provozieren wollte und schnell wieder eine mehr oder minder unvermittelte Szene einbinden, die den Leser aufschrecken soll.
Das gelingt auch. Ich muss gestehen, dass ich einige Szenen wie bei einem Horrorfilm nur mit einem zugehaltenen Auge überfliegen konnte. Dennoch habe ich das Buch durchaus mit Spaß komplett durchgelesen. Das Ende wirkte dann leider wieder etwas aufgesetzt, als wenn die Autorin nun alle Anal-, Fäkal, Rasier, Sex und Blutungsideen abgearbeitet hatte und einfach zum Schluss kommen musste.
Große Literatur ist das sicherlich nicht, unterhaltsam ist es dennoch. Ich denke, besser gesagt ich hoffe, dass ich damit nicht viel über Frauen gelernt habe. Das Buch hat durchaus seine Momente, wo sehr spaßig mit einigen Klischees gespielt wird. Einige der Ekel-Passagen lassen jedoch diese Ironie vermissen und langweilen auf Dauer. Hierin gar einen Tabubruch zu sehen, der die Welt aufschrecken und verändern soll, dürfte aber stark übertrieben sein. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand die Anti-Hygiene in dem Buch wirklich ernst nimmt, die Autorin erst recht nicht. Und selbst die Hauptfigur wird im Verlauf der Geschichte reinlicher.
Ein ordentliches Provokationsbuch, das zwar dem Hype nicht gerecht wird, aber auch nicht für Verrisse taugt. Eben ordentlich mit einer witzigen Grundidee, die etwas zu sehr in die Länge gezogen wird.
Doch bevor dieser Podcast noch weiter in die Länge gezogen wird, hier wieder am Ende der obligatorische Hinweis auf meinen Roman „Im Traum stehen alle Uhren still“ – garantiert ohne Analsex und Smegma. Den Link gibt es auf www.eBibliothek.de.
Bis zum nächsten Mal, Euer und Ihr Henry Krasemann